Mensch und Audiologie im Fokus

Inmitten der historischen Kulisse des Hamburger Curio Hauses präsentierte Oticon vor rund 250 Gästen und zum mittlerweile 13. Mal ein vielfältiges Programm aus Forschung, Praxisimpulsen und emotionalen Erfahrungsberichten, bevor am Abend und bis weit nach Mitternacht im legendären Delphi Showpalast gefeiert wurde.

Jana Herrmann, Veröffentlicht am 6. Januar 2026

Mensch und Audiologie im Fokus

„Unser Symposium hat ein Konzept: Mensch und Audiologie, eine Mischung aus Info und Entertainment. Und so soll es auch bleiben.“ Mit diesen Worten begrüßte Oticon Deutschlands Geschäftsführer Torben Lindø die Gäste der inzwischen 13. Jahresveranstaltung, die nach dem Rentenantritt von Horst Warncke erstmals von „Oticons neuen Shootingstars“ (Zitat Lindø) Jan Balmes und Sebastian Rählmann moderiert wurde. Souverän führten die beiden audiologischen Leiter durch die Tagesveranstaltung und kündigten gleich zu Beginn ein Novum an: Am 27. November 2025 standen alle Bühnenbeiträge für Hörsystemträger*innen auch über die Bluetooth® Auracast-Technologie zur Verfügung. „Die Zukunft ist also schon im altehrwürdigen Curio Haus aus dem Jahre 1911 angekommen“, fasste es Jan Balmes zusammen.

Den Startschuss zu der insgesamt fünfteiligen Vortragsreihe gab Dr. Florian Denk, Leiter des Bereichs Forschung und Studien am Deutschen Hörgeräte Institut (DHI), dessen Leidenschaft die Verbesserung von Hörsystemen ist. In seinem Vortrag mit dem Titel  „Verstärkung ans Ohr, aber richtig!“ gab er tiefe Einblicke in seine wissenschaftliche Arbeit. So sieht Denk beispielsweise und unter anderem Optimierungsmöglichkeiten im Hinblick auf eine artefaktarme Signalverarbeitung. Visionär mutete in diesem Zusammenhang ein von Denk und seinem Team untersuchtes, alternatives Lautsprecherkonzept an: die optische Anregung des Ohrs per Laser. Ob diese Option jemals den Weg in die Praxis finden wird, vermochte Denk allerdings nicht vorherzusehen.

Dr. Florian Denk, Leiter des Bereichs Forschung und Studien am Deutschen Hörgeräte Institut (DHI), referierte über das Thema „Verstärkung ans Ohr, aber richtig!". 

Dr. Florian Denk, Leiter des Bereichs Forschung und Studien am Deutschen Hörgeräte Institut (DHI), referierte über das Thema „Verstärkung ans Ohr, aber richtig!“. ©JH

Sprachverstehen als maßgebliches Kriterium

Um technisch und in der individuellen Anpassung das Optimum herauszuholen, sind Kenntnisse über die Sprachverarbeitung in unserem Gehirn essenziell – so lautet wiederum das zentrale Forschungsthema der zweiten Speakerin des Tages, Dr. Florine Bachmann, Wissenschaftlerin vom Eriksholm Research Centre in Dänemark. Antworten liefern laut der Expertin frühe akustisch evozierte Potenziale, sogenannte FAEP, die per EEG im Hirnstamm gemessen werden – und Aufschluss darüber geben können, welche Signale zum Gehirn gelangen. Laut Bachmann seien Hörlösungen, die die frühe Sprachverarbeitung im Gehirn optimieren, bereits in der Entwicklung.

Servicedenken darf auch Spaß machen!

Im dritten Vortrag gewährte der selbsternannte Servicepionier und Comedian Armin Nagel „schräge Service-Ideen“ für den effizienten Umgang mit Kundinnen und Kunden. Sein erstes Take-Away lautete: Das weitverbreitete Motto „Der Kunde ist König“ ist nicht mehr zeitgemäß. Denn moderne Kunden wollen nicht mehr nur „von vorne bis hinten“ bedient werden, sondern wünschen sich vor allem eine Kommunikation auf Augenhöhe- die übrigens auch im Umgang mit Mitarbeitenden eine immer größere Rolle spiele. „Guter Service von heute“ müsse anderen Menschen das Leben leichter und darf durchaus auch Spaß machen. Aktives Zuhören, eine partnerschaftliche Kommunikation und spielerisches Denken seien der Schlüssel für Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit. Nagel untermauerte seine Thesen mit vielen Situationen aus der Praxis, die er unterhaltsam illustrierte, und erinnerte die anwesenden Hörakustiker*innen am Ende seines Vortrags auch „an ihre wichtige Rolle als Brückenbauer zwischen Menschen und Technologie“.

Im seinem Vortrag „KI und Empathie - Warum der Service der Zukunft mehr als nur Algorithmen braucht" gewährte der selbsternannte Servicepionier und Comedian Armin Nagel „schräge Service-Ideen" für den effizienten Umgang mit Kundinnen und Kunden. 

Im seinem Vortrag „KI und Empathie – Warum der Service der Zukunft mehr als nur Algorithmen braucht“ gewährte der selbsternannte Servicepionier und Comedian Armin Nagel „schräge Service-Ideen“ für den effizienten Umgang mit Kundinnen und Kunden. ©JH

Agieren statt Abwarten

Als nächstes teilte Anja Renner ihre außergewöhnliche Lebensgeschichte mit den Oticon-Gästen: Sie erhielt mit 25 Jahren die Diagnose Usher-Syndrom, das ihr Hör- und Sehvermögen stark beeinträchtigt; heute sieht sie nur noch etwa zehn Prozent. Nach einer sportlich aktiven Jugend kehrte sie erst mit 30 Jahren zum Ausdauersport zurück, bis drastische Verschlechterungen ihres Sehvermögens und Verletzungen ihren Traum von der Ironman-WM auf Hawaii stoppten. 2023 wagte die Oticon Intent-Trägerin den Einstieg in den Parasport und kämpfte sich in nur eineinhalb Jahren bis auf Rang 3 der Weltrangliste. Damit qualifizierte sie sich überraschend für die Paralympics Paris 2024, wo sie im Paratriathlon für Sehbehinderte eine Bronzemedaille gewann.

Oticon Intent-Trägerin und Paratriathletin Anja Renner erzählte auf mitreissende Weise, wie sie ihr Schicksal in persönliches Wachstum verwandelte. 

Oticon Intent-Trägerin und Paratriathletin Anja Renner erzählte auf mitreissende Weise, wie sie ihr Schicksal in persönliches Wachstum verwandelte. ©JH

In ihrem Vortrag erzählte sie auf mitreißende Weise, wie sie trotz aller Hindernisse und Rückschläge ihr Schicksal in persönliches Wachstum verwandelte. Erfolge feiere sie „mit Stolz und Dankbarkeit“, denn mutmaßliche Unmöglichkeiten seien oft „die Grenzen der anderen und nicht ihre eigenen gewesen“. Um seine Träume zu realisieren, sollte man sich deshalb auch mit Menschen umgeben, die das gleiche Ziel wie man selbst verfolgt. „Meine persönliche Geschichte zeigt jedenfalls, dass es sich lohnt, mutig zu sein und Risiken einzugehen“, so Renner. Denn letztlich sei es der Kopf, der entscheidet, ob man im Ziel ankommt- oder eben nicht.

Ausprobieren und sich voranscheitern

Den Abschluss des Tagesprogramms machte Speaker, Autor, Podcaster, KI-Experte und Unternehmer Sascha Lobo mit seinem Vortrag „Wie künstliche Intelligenz die Welt verändert„. Am Beispiel von ChatGPT zeigte er auf, welche gesellschaftliche und ökonomische Macht künstliche Intelligenz zunehmend entfaltet, die selbst Top-Experten, Nobelpreisträger*innen und HighTech-Unternehmen nicht auf dem Schirm hatten. Als das hochmoderne KI-Chatbot ChatGPT am 1.Feb 2018 offiziell vorgestellt wurde, rief selbst der US-Tech-Riese Google -der bis dato schon „dreistellige Milliardenbereiche“ in diesem Bereich investiert hatte- die Alarmstufe rot aus. Für Lobo signifiziert diese Begebenheit vor allem, „dass man kann sich heutzutage auf wirklich nichts mehr vorbereiten kann“.

Sascha Lobo berichtete auch über seine eigenen KI-Erfahrungen. Als er beispielsweise nach einer Landkarte mit allen deutschen Bundesländern fragte, wurde aus dem kleinsten das grösste (Bremen). 

Sascha Lobo berichtete auch über seine eigenen KI-Erfahrungen. Als er beispielsweise nach einer Landkarte mit allen deutschen Bundesländern fragte, wurde aus dem kleinsten das grösste (Bremen). ©JH

Aufgrund der Schnelligkeit, mit der die KI Veränderungsprozesse vorantreibt, bestehe nun die Gefahr, dass sich eigentlich deutsche Stärken wie Präzision und Sorgfalt in Schwächen umzuwandeln drohen. Lobo lieferte Zahlen, wie der digitale Wandel Deutschland „übersprungen“ habe- aber auch solche, die Deutschland einen weltweit führenden „IT-Tüftlergeist“ attestieren und somit Grund zur Hoffnung ließen: Deutschland befinde sich beispielsweise auf Platz 3 der zahlenden Chat-GPT Nutzer- weltweit. Nun gehe es darum, „so typisch undeutsche Eigenschaften„wie ausprobieren, experimentieren und „sich voranscheitern“ anzuwenden, um den Nutzen der KI für seinen persönlichen Weg herauszufinden. „Denn wenn wir den KI-Wandel nicht hinbekommen, wird es wirklich schwierig“, warnte Lobo. Das gelte auch für den Bereich der Hörakustik. Schließlich gehe es hier um die Verbesserung von Klangqualität und Spracherkennung, automatische Anpassungen, personalisiertes Hören und vieles mehr, bei denen dem Einsatz von KI praktisch keine Grenzen gesetzt sind.

Neon und Glitzer bis spät in die Nacht

Auch bei der Organisation der Abendveranstaltung blieb Oticon seinem bewährten Konzept treu und bot seinen Gästen ein buntes Kontrastprogramm, das dieses Jahr unter dem Motto Neon und Glitzer stand. Dafür ging es aus dem exklusiven Stadtteil Rotherbaum in das illustre Hamburger Schanzenviertel, wo im legendären „Delphi Showpalast 2.0″ bis weit nach Mitternacht genetworkt, gelacht und getanzt wurde.

Jana Herrmann